Dieses Buch beschäftigt mit den physiotherapeutischen
Aspekten des Orientalischen Tanzes und richtet sich somit
vorwiegend an Therapeutinnen, die diese Tanzart in ihre Behandlung
integrieren möchten. Der Inhalt ist mehr als umfangreich
und deckt einen großen Themenbogen ab.
Zunächst erläutert die Autorin allgemeinen Grundlagen
der Anatomie und gibt anschließend einen Überblick
über den Orientalischen Tanz und seine Geschichte, den
verschiedenen Bewegungen aus physiotherapeutischer Sicht und
beleuchtet anschließend Haltung, Gleichgewicht, Atmung,
Rhythmus und Rhythmik sowie psychologische Aspekte des Tanzes.
Das dritte Kapitel ist dem Orientalischen Tanz in der Therapie
gewidmet. Von Frauenheilkunde (z.B. Schwangerschaft, Inkontinenz)
über Kopfschmerzen, Mukoviszidose, Rückenschmerzen,
Osteoporose, Muskelkater und funktioneller Bewegungslehre
im orientalischen Tanz wird die Wirkung des Tanzes auf unterschiedlichste
gesundheitliche Probleme beleuchtet.
Im Praxisteil wird zunächst auf den allgemeinen Trainingsaufbau
und -prinzipien eingegangen sowie Hinweise und Anregungen
für ein entsprechendes Warm-up und anschließende
Dehnungsübungen gegeben. Danach werden die einzelnen
Bewegungen (gegliedert von oben nach unten, also von Kopf
nach Fuß) beschrieben, die verschiedenen Armhaltungen
erläutert sowie spezielle Elemente des therapeutischen
Tanztrainings vorgestellt. Zwei Choreographien als Beispiel
für das Kombinieren der einzelnen Elemente sowie Vorschläge
zur Gestaltung eines achtstündigen Kurskonzeptes runden
den Praxisteil ab.
Im Anhang findet man einen Eingangs- und Abschlussfragebogen,
anhand derer man die Erwartungen und gemachten Erfahrungen
von Kursteilnehmerinnen ermitteln kann. Außerdem gibt
es noch zwei Handouts (Inkontinenz und orientalischer Tanz
bei Rückenschmerzen), die bei Bedarf an Kursteilnehmerinnen
ausgeteilt werden können.
Ein ausführliches Literaturverzeichnis, verschiedene
Kontaktadressen sowie ein Glossar mit Erklärungen der
verschiedenen verwandten Begriffe runden das Buch ab.
Was mir
gut gefallen hat:
Gleich vorneweg: Als ich das Buch das erste Mal in den Händen
hielt und durchblätterte, dachte ich als erstes "Hier
hat sich jemand richtig viel Arbeit gemacht!" Das Buch
ist eines der umfangreichsten, die ich je zum Thema orientalischer
Tanz gelesen habe. Die Informationen sind so vielfältig,
dass sich gut und gerne einige Wochen mit dem Inhalt befassen
kann.
Im praktischen Teil finden sich allein
ca. 60 (!) Beschreibungen der verschiedenen Bewegungen des
orientalischen Tanzes - angefangen vom Kopf, Schultern und
Brustkorb, Arm- und Handbewegungen weiter zu den charakteristischen
Hüft- und Beckenbewegungen bis hin zu Bauchbewegungen
und den verschiedenen Basis-Shimmy-Arten. Doch das ist noch
nicht alles: Von verschiedenen Grundschritten, komplexeren
Bewegungsfolgen, Drehungen, Körperübungen (Füße,
Fokussieren, Gleichgewicht) und Tipps zur Isolation spiegelt
das Buch eine breite Basis der verschiedenen orientalischen
Tanzbewegungen wider.
Besonders gut haben mir dabei die Tipps
zum Trainingsaufbau, Aufwärmtraining und anschließenden
Dehnungsübungen gefallen - alles Themen, das in anderen
Büchern wenn überhaupt nur sehr kurz angeschnitten
werden, die aber gerade für Dozenten eine wichtige Hilfestellung
für die Gestaltung des Unterrichts darstellen.
Praktisch auch - gerade hinsichtlich
des umfangreichen Inhalts - dass die wichtigsten Informationen
immer wieder am Kapitelende noch einmal in Kurzform zusammengefasst
und anhand von farblich hinterlegten Kästchen auch optisch
entsprechend hervorgehoben werden.
Sehr gut gefallen haben mir auch die
Fragebögen und Handouts im Anhang des Buches, die einfach
kopiert und an die Kursteilnehmerinnen verteilt werden können.
Von den theoretischen Grundlagen wie Anatomie, Geschichte
bis hin zu ganz praktischen Tipps wie dem Kurskonzept ist
somit für jeden etwas dabei.
Was mir weniger
gut gefallen hat:
In meinen Augen ist die Zielgruppe des Buches der grosse Vorteil
und gleichzeitig auch der größte Nachteil des Buches.
Denn da sich das Buch an Therapeutinnen richtet, die den orientalischen
Tanz in ihre Behandlungen integrieren möchten, sind die
Erklärungen vor allem mit Hilfe von anatomisch-medizinischen
Beschreibungen verfaßt. Durch die fundierten Formulierungen
und häufigen Fachbegriffe ist das Buch daher für
Leser, die über keinen entsprechenden Hintergrund verfügen,
etwas schwerer zu lesen und nicht ganz so leicht verständlich
- aber durchaus zielgruppengerecht. Und wer das Nachschlagen
nicht scheut, findet die Fachbegriffe im Glossar endsprechend
erklärt.
Die verschiedenen Bewegungen des orientalisches
Tanzes im Rahmen eines Buches, also rein theoretisch, zu beschreiben,
ist ohne Frage mehr als schwierig. Bei manchen komplizierten,
zusammengesetzten Bewegungen wie z.B. Siwa, Hagalla oder Suheir-Saki-Step
ist dies in meinen Augen praktisch unmöglich. Daher gilt
auch für dieses Buch: Die Bewegungen wirklich nachvollziehen
kann man nur, wenn man diese bereits aus dem Kurs oder Unterricht
kennt. Daneben kann man sich über die Beschreibungen
einzelner Bewegungen durchaus streiten: Brustkorb- und Beckenwelle
werden als Kreis definiert, der Kamelgang wird im Stand plötzlich
zu einer Kobra, der Suheir-Saki-Step ist nur als Schritt mit
Wippe abwärts definiert, und auf die Möglichkeit
des aktiven Standbeins z.B. bei Lift und Drop wird erst im
hinteren Teil des Buches im Rahmen der Elemente des tanztherapeutischen
Trainings eingegangen. Gesundheitsschonendes, entspanntes
und rückenfreundliches Tanzen sollte jedoch für
alle Zielgruppen des Unterrichts interessant sein.
Die Verwendung sowohl von Achsen, als
auch von Ebenen zur Erklärung der einzelnen Bewegungen
machen diesen Umstand nicht eben leichter. Aber auch hier
gilt wieder, dass gerade diese Begriffe Therapeutinnen natürlich
geläufig sind und der Zielgruppe des Buches damit eine
entsprechende Hilfestellung geben können.
Ein weiterer Schwachpunkt des Buches
sind die enthaltenen Fotos. Diese erfüllen zwar durchaus
ihren Sinn und Zweck, das eine oder andere Mal hätte
jedoch eine andere Kameraperspektive die Bewegung besser veranschaulicht
und professionelle Bilder den ansonsten fundierten Inhalt
auch optisch entsprechend abgerundet. Sicher auch eine Preisfrage,
aber dennoch schade.
Nicht ganz so günstig finde ich
ebenfalls die Gliederung der Bewegungen, die zunächst
einfach von oben nach unten - also von Kopf nach Fuss - aufgelistet
und erläutert werden. Hier hätte ich mir einen Aufbau
hin von den einfach zu den schwierigen Bewegungsabläufen
gewünscht, was auch für Unerfahrene die Einschätzung
des Schwierigkeitsgrades und damit das Einteilen der Bewegungen
erleichtert hätte.
Das Kurskonzept am Ende des Buches
geht meines Erachtens und meiner Unterrichtserfahrung nach
zu schnell vor. So kann man nicht erwarten, dass Schülerinnen
gleich in der ersten Stunde neben diversen Vorübungen
noch Grundhaltung, Hüftschieben, Wippe, den kleinen Hüftkreis
und den arabischen Grundschritt lernen und behalten können
- es sei denn, der Kurs würde mehrere Stunden dauern.
Das vorgestellte Konzept könnte gut und gerne drei komplette
Kurse á 8 Abende füllen.
Und auch hier gilt wieder: Mir fehlt zum Teil der Aufbau der
Bewegungen von einfach nach schwierig bzw. von Basis- hin
zu zusammengesetzten Bewegungen, was das Erlernen der Bewegungen
für die Schülerinnen erheblich vereinfachen würde.
Das vorgestellte Kurskonzept würde ich daher als etwas
zu enthusiastisch einstufen, ist jedoch beim entsprechenden
Abspecken und Umstellen durchaus zu gebrauchen.
Zusammenfassung:
Dieses Buch ist nicht als Lehr- oder
Unterrichtsbuch kozipiert, sondern soll und kann vielmehr
eine wertvolle Ergänzung zu Therapie und Unterricht sein.
Wer bereits über Vorkenntnisse in Sachen orientalischer
Tanz verfügt, sich für gesundheitliche oder therapeutische
Aspekte des Tanzes interessiert oder Anregungen und Ideen
für den eigenen Unterricht sucht, findet in diesem Buch
viele Informationen und zahlreiche Tipps. Gerade Dozentinnen,
die mehr über Anatomie wissen wollen, Körperübungen
für den Unterricht suchen oder Schülerinnen mit
gesundheitlichen Problemen fachgerecht anleiten wollen, werden
hier fündig.
Wer viele und fundierte Informationen
sucht und das Lesen nicht scheut, ist mit dieses Buch bestens
beraten. Es enthält geradezu eine Fülle von Informationen
für alle, die bewußt mit dem Körper arbeiten
wollen, und die mehr die über die Zusammenhänge
und anatomische Grundlagen des orientalischen Tanzes oder
seine Möglichkeiten innerhalb der Physiotherapie erfahren
wollen.
Wer dagegen ein hübsches Bilderbuch
suchst, das den Tanz einfach und leicht erscheinen läßt
und sich vor allem auf den Spaßfaktor betont, wird enttäuscht
werden. Sowohl den Glitzer- und Glamourfaktor sowie den Reiz
des Exotischen wird man hier vergeblich suchen. Und das ist
auch gut so, sind doch hier ganz andere Aspekte gefragt, wie
der Titel bereits sagt..
Das gesamte Buch ist sachlich fundiert
geschrieben, mit großer Liebe zum Detail. Man merkt,
dass Simone Paulyn sowohl im orientalischen Tanz, als auch
in ihrer Tätigkeit als Physiotherapeutin mit Herz und
Seele dabei ist und beides auf logische Weise miteinander
verknüpft. Meine Hochachtung für die sicherlich
stunden- monate- und jahrelange Arbeit, die zur Fertigstellung
eines solch umfangreichen Werkes notwendig waren. Die wenigen
Schwächen und Unklarheiten sind aufgrund des umfangreichen
Materials zu verzeihen und fallen daher auch weniger stark
ins Gewicht. Daher auch die Bewertung: 4 Sterne.
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