Buchbesprechung

"Tanz in der Physiotherapie -
Den Orientalischen Tanz therapeutisch nutzen"

Titel: Tanz in der Physiotherapie
Autor: Simone Paulyn
ISBN: 3790509213
Verlag: Pflaum
Ausgabe: Broschiert, Erschienen März 2005
Djamilas Bewertung:
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Inhalt:

Dieses Buch beschäftigt mit den physiotherapeutischen Aspekten des Orientalischen Tanzes und richtet sich somit vorwiegend an Therapeutinnen, die diese Tanzart in ihre Behandlung integrieren möchten. Der Inhalt ist mehr als umfangreich und deckt einen großen Themenbogen ab.

Zunächst erläutert die Autorin allgemeinen Grundlagen der Anatomie und gibt anschließend einen Überblick über den Orientalischen Tanz und seine Geschichte, den verschiedenen Bewegungen aus physiotherapeutischer Sicht und beleuchtet anschließend Haltung, Gleichgewicht, Atmung, Rhythmus und Rhythmik sowie psychologische Aspekte des Tanzes.

Das dritte Kapitel ist dem Orientalischen Tanz in der Therapie gewidmet. Von Frauenheilkunde (z.B. Schwangerschaft, Inkontinenz) über Kopfschmerzen, Mukoviszidose, Rückenschmerzen, Osteoporose, Muskelkater und funktioneller Bewegungslehre im orientalischen Tanz wird die Wirkung des Tanzes auf unterschiedlichste gesundheitliche Probleme beleuchtet.

Im Praxisteil wird zunächst auf den allgemeinen Trainingsaufbau und -prinzipien eingegangen sowie Hinweise und Anregungen für ein entsprechendes Warm-up und anschließende Dehnungsübungen gegeben. Danach werden die einzelnen Bewegungen (gegliedert von oben nach unten, also von Kopf nach Fuß) beschrieben, die verschiedenen Armhaltungen erläutert sowie spezielle Elemente des therapeutischen Tanztrainings vorgestellt. Zwei Choreographien als Beispiel für das Kombinieren der einzelnen Elemente sowie Vorschläge zur Gestaltung eines achtstündigen Kurskonzeptes runden den Praxisteil ab.

Im Anhang findet man einen Eingangs- und Abschlussfragebogen, anhand derer man die Erwartungen und gemachten Erfahrungen von Kursteilnehmerinnen ermitteln kann. Außerdem gibt es noch zwei Handouts (Inkontinenz und orientalischer Tanz bei Rückenschmerzen), die bei Bedarf an Kursteilnehmerinnen ausgeteilt werden können.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis, verschiedene Kontaktadressen sowie ein Glossar mit Erklärungen der verschiedenen verwandten Begriffe runden das Buch ab.

 
Was mir gut gefallen hat:


Gleich vorneweg: Als ich das Buch das erste Mal in den Händen hielt und durchblätterte, dachte ich als erstes "Hier hat sich jemand richtig viel Arbeit gemacht!" Das Buch ist eines der umfangreichsten, die ich je zum Thema orientalischer Tanz gelesen habe. Die Informationen sind so vielfältig, dass sich gut und gerne einige Wochen mit dem Inhalt befassen kann.

Im praktischen Teil finden sich allein ca. 60 (!) Beschreibungen der verschiedenen Bewegungen des orientalischen Tanzes - angefangen vom Kopf, Schultern und Brustkorb, Arm- und Handbewegungen weiter zu den charakteristischen Hüft- und Beckenbewegungen bis hin zu Bauchbewegungen und den verschiedenen Basis-Shimmy-Arten. Doch das ist noch nicht alles: Von verschiedenen Grundschritten, komplexeren Bewegungsfolgen, Drehungen, Körperübungen (Füße, Fokussieren, Gleichgewicht) und Tipps zur Isolation spiegelt das Buch eine breite Basis der verschiedenen orientalischen Tanzbewegungen wider.

Besonders gut haben mir dabei die Tipps zum Trainingsaufbau, Aufwärmtraining und anschließenden Dehnungsübungen gefallen - alles Themen, das in anderen Büchern wenn überhaupt nur sehr kurz angeschnitten werden, die aber gerade für Dozenten eine wichtige Hilfestellung für die Gestaltung des Unterrichts darstellen.

Praktisch auch - gerade hinsichtlich des umfangreichen Inhalts - dass die wichtigsten Informationen immer wieder am Kapitelende noch einmal in Kurzform zusammengefasst und anhand von farblich hinterlegten Kästchen auch optisch entsprechend hervorgehoben werden.

Sehr gut gefallen haben mir auch die Fragebögen und Handouts im Anhang des Buches, die einfach kopiert und an die Kursteilnehmerinnen verteilt werden können. Von den theoretischen Grundlagen wie Anatomie, Geschichte bis hin zu ganz praktischen Tipps wie dem Kurskonzept ist somit für jeden etwas dabei.

 
Was mir weniger gut gefallen hat:


In meinen Augen ist die Zielgruppe des Buches der grosse Vorteil und gleichzeitig auch der größte Nachteil des Buches. Denn da sich das Buch an Therapeutinnen richtet, die den orientalischen Tanz in ihre Behandlungen integrieren möchten, sind die Erklärungen vor allem mit Hilfe von anatomisch-medizinischen Beschreibungen verfaßt. Durch die fundierten Formulierungen und häufigen Fachbegriffe ist das Buch daher für Leser, die über keinen entsprechenden Hintergrund verfügen, etwas schwerer zu lesen und nicht ganz so leicht verständlich - aber durchaus zielgruppengerecht. Und wer das Nachschlagen nicht scheut, findet die Fachbegriffe im Glossar endsprechend erklärt.

Die verschiedenen Bewegungen des orientalisches Tanzes im Rahmen eines Buches, also rein theoretisch, zu beschreiben, ist ohne Frage mehr als schwierig. Bei manchen komplizierten, zusammengesetzten Bewegungen wie z.B. Siwa, Hagalla oder Suheir-Saki-Step ist dies in meinen Augen praktisch unmöglich. Daher gilt auch für dieses Buch: Die Bewegungen wirklich nachvollziehen kann man nur, wenn man diese bereits aus dem Kurs oder Unterricht kennt. Daneben kann man sich über die Beschreibungen einzelner Bewegungen durchaus streiten: Brustkorb- und Beckenwelle werden als Kreis definiert, der Kamelgang wird im Stand plötzlich zu einer Kobra, der Suheir-Saki-Step ist nur als Schritt mit Wippe abwärts definiert, und auf die Möglichkeit des aktiven Standbeins z.B. bei Lift und Drop wird erst im hinteren Teil des Buches im Rahmen der Elemente des tanztherapeutischen Trainings eingegangen. Gesundheitsschonendes, entspanntes und rückenfreundliches Tanzen sollte jedoch für alle Zielgruppen des Unterrichts interessant sein.

Die Verwendung sowohl von Achsen, als auch von Ebenen zur Erklärung der einzelnen Bewegungen machen diesen Umstand nicht eben leichter. Aber auch hier gilt wieder, dass gerade diese Begriffe Therapeutinnen natürlich geläufig sind und der Zielgruppe des Buches damit eine entsprechende Hilfestellung geben können.

Ein weiterer Schwachpunkt des Buches sind die enthaltenen Fotos. Diese erfüllen zwar durchaus ihren Sinn und Zweck, das eine oder andere Mal hätte jedoch eine andere Kameraperspektive die Bewegung besser veranschaulicht und professionelle Bilder den ansonsten fundierten Inhalt auch optisch entsprechend abgerundet. Sicher auch eine Preisfrage, aber dennoch schade.

Nicht ganz so günstig finde ich ebenfalls die Gliederung der Bewegungen, die zunächst einfach von oben nach unten - also von Kopf nach Fuss - aufgelistet und erläutert werden. Hier hätte ich mir einen Aufbau hin von den einfach zu den schwierigen Bewegungsabläufen gewünscht, was auch für Unerfahrene die Einschätzung des Schwierigkeitsgrades und damit das Einteilen der Bewegungen erleichtert hätte.

Das Kurskonzept am Ende des Buches geht meines Erachtens und meiner Unterrichtserfahrung nach zu schnell vor. So kann man nicht erwarten, dass Schülerinnen gleich in der ersten Stunde neben diversen Vorübungen noch Grundhaltung, Hüftschieben, Wippe, den kleinen Hüftkreis und den arabischen Grundschritt lernen und behalten können - es sei denn, der Kurs würde mehrere Stunden dauern. Das vorgestellte Konzept könnte gut und gerne drei komplette Kurse á 8 Abende füllen.
Und auch hier gilt wieder: Mir fehlt zum Teil der Aufbau der Bewegungen von einfach nach schwierig bzw. von Basis- hin zu zusammengesetzten Bewegungen, was das Erlernen der Bewegungen für die Schülerinnen erheblich vereinfachen würde. Das vorgestellte Kurskonzept würde ich daher als etwas zu enthusiastisch einstufen, ist jedoch beim entsprechenden Abspecken und Umstellen durchaus zu gebrauchen.

 
Zusammenfassung:

Dieses Buch ist nicht als Lehr- oder Unterrichtsbuch kozipiert, sondern soll und kann vielmehr eine wertvolle Ergänzung zu Therapie und Unterricht sein. Wer bereits über Vorkenntnisse in Sachen orientalischer Tanz verfügt, sich für gesundheitliche oder therapeutische Aspekte des Tanzes interessiert oder Anregungen und Ideen für den eigenen Unterricht sucht, findet in diesem Buch viele Informationen und zahlreiche Tipps. Gerade Dozentinnen, die mehr über Anatomie wissen wollen, Körperübungen für den Unterricht suchen oder Schülerinnen mit gesundheitlichen Problemen fachgerecht anleiten wollen, werden hier fündig.

Wer viele und fundierte Informationen sucht und das Lesen nicht scheut, ist mit dieses Buch bestens beraten. Es enthält geradezu eine Fülle von Informationen für alle, die bewußt mit dem Körper arbeiten wollen, und die mehr die über die Zusammenhänge und anatomische Grundlagen des orientalischen Tanzes oder seine Möglichkeiten innerhalb der Physiotherapie erfahren wollen.

Wer dagegen ein hübsches Bilderbuch suchst, das den Tanz einfach und leicht erscheinen läßt und sich vor allem auf den Spaßfaktor betont, wird enttäuscht werden. Sowohl den Glitzer- und Glamourfaktor sowie den Reiz des Exotischen wird man hier vergeblich suchen. Und das ist auch gut so, sind doch hier ganz andere Aspekte gefragt, wie der Titel bereits sagt..

Das gesamte Buch ist sachlich fundiert geschrieben, mit großer Liebe zum Detail. Man merkt, dass Simone Paulyn sowohl im orientalischen Tanz, als auch in ihrer Tätigkeit als Physiotherapeutin mit Herz und Seele dabei ist und beides auf logische Weise miteinander verknüpft. Meine Hochachtung für die sicherlich stunden- monate- und jahrelange Arbeit, die zur Fertigstellung eines solch umfangreichen Werkes notwendig waren. Die wenigen Schwächen und Unklarheiten sind aufgrund des umfangreichen Materials zu verzeihen und fallen daher auch weniger stark ins Gewicht. Daher auch die Bewertung: 4 Sterne.

Djamila


 

 

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