Stufeneinteilung im orientalischen Tanz

Der folgende Artikel wurde vor einigen Jahren in der Zeitschrift Tanz Oriental veröffentlicht. Shahrazad, die den Artikel verfasst hat und bei der auch das Copyright dafür liegt, erteilte mir freundlicherweise die Genehmigung, ihn hier auf der Bauchtanzinfoseite zu veröffentlichen, wofür ich mich recht herzlich bei ihr bedanke (weitere Informationen zu Shahrazad findest Du hier auf dieser Seite im Anschluss an den Artikel oder auf ihrer Homepage). Denn wie wohl jede Tänzerin und Lehrerin aus zahlreichen Diskussionen weiß, herrscht auf diesem Gebiet noch immer große Unsicherheit.

Kaum eine Lehrerin gibt bei Ausschreibungen detailliert an, was sie denn nun unter Anfänger, Mittelstufe usw. versteht. Kaum eine Schülerin weiß genau, wie sie ihr Können denn nun "generell" - z.B. bei Unterrichtsangeboten einer anderen Lehrerin - einschätzen soll. Frustiert stellt man fest, dass man als "Fortgeschrittene" aus der einen Institution im neuen Kurs bei den Anfängern eingestuft wird. Oder - was noch weit schlimmer ist - dass man als "Masterclass"-Schülerin im Workshop unterfordert ist und sein Geld zum Fenster herausgeworfen hat.

Hier kann dieses Schema Abhilfe leisten. Ich würde es begrüßen, wenn sich die eine oder andere Lehrein in Zukunft darauf beziehen würde, z.B. bei der Ausschreibung für einen Workshop oder Kurs - denn letztlich ist nur ein auf das Können der Teilnehmerinnen abgestimmter und passender Unterricht für beide Seiten befriedigend - für Lehrerin und Schülerin. In diesem Sinne: viel Spaß beim Lernen!

Djamila

Stufeneinteilung beim orientalischen Tanz
von Shahrazad

In meinen Kursen stelle ich immer wieder fest, daß es für die Teilnehmerinnen oft schwierig ist, das eigene Können einzustufen. So sind Frauen über- bzw. unterfordert, wenn siw sich zum falschen Kurs anmelden. Der in beiden Fällen auftretende Ärger oder Frust ist auf das Fehlen einer einheitlichen Begriffsdefinition zurückzuführen.

Was darf man unter "Mittelstufe", "Fortgeschrittene" usw. verstehen? Stark differieren auch Voraussetzungen der Lernenden: Wie lange hat die bisherige Ausbildung gedauert? Bei wem wurde gelernt? Wieviel Talent wird mitgebracht? Welche finanziellen Mittel sind vorhanden? Gibt es Vorkenntnisse aus anderen Tanzrichtungen? Wie groß ist das Engagement beim Üben?

So kann es vorkommen, daß jemand technisch weit fortgeschritten ist, der Ausdruck jedoch fehlt. Eine andere ist Meisterin im Mienenspiel, verfügt aber nicht über rhythmische Sicherheit. Was soll man von "Videomeisterinnen" halten, die alles unreflektiert kopieren, ohne jegliches Verständnis innerer Werte? Was von den "Wunderkindern", denen der rechte "Takt" im Umgang mit ihren Mitmenschen fehlt?

Aus meiner über zehnjährigen Unterrichtspraxis habe ich ein Schema entwickelt, das ich hier vorstellen möchte. Selbstverständlich kann es nicht alle möglichen Kriterien; ich halte es trotzdem für hilfreich bei einer vernünftigen Selbsteinschätzung. Unterrichten kann man übrigens nur bis zu einem Niveau, das man selbst erreicht hat...

Shahrazad



Inhalt Stufeneinteilung
Anmerkung: Im Original-Artikel wurde die Stufeneinteilung in einer großen Tabelle dargestellt. Der Übersicht wegen habe ich diese in die einzelne Rubriken eingeteilt.
Übersicht sortiert nach Stufen: Übersicht sortiert nach Gebieten:
Anfänger Rhythmus
Mittelstufe Körperbeherrschung
Fortgeschrittene Schritte
Weitfortgeschrittene Ausdrucksfähigkeit
Meister Repertoire
_ Hintergrundwissen
_ Verhaltensweise allgemein
_ Verhaltensweise positiv/negativ




Anfänger
   
Rhythmus: Kann den Takt mehr oder weniger gut halten
Körperbeherrschung: Einfache Übungen, um den Körper kennen zu lernen und links/rechts, vorne/hinten usw. zu unterscheiden
Schritte: Gehen zur Musik
Ausdrucksfähigkeit: Keine
Repertoire: Keines
Hintergrundwissen: Keines
Verhaltensweise allgemein: Neugierig
Verhaltensweise positiv/negativ: Positiv - Offen
Negativ - Geschlossen


Mittelstufe
   
Rhythmus: Kann bis "vier" zählen und findet die Eins.Kennt: Baladi, Chiftetelli. Zimbelt im Dreierschlag
Körperbeherrschung: Isolierte Bewegungen und deren Kombinationen. Einfache Baladitechnik mit Hüfte, Armen, Händen und Schleier.
Schritte: Einfache Schritte in verschiedene Richtungen
Ausdrucksfähigkeit: Lernt lächeln.
Repertoire: Schrittfolgen, kurze, einfache Choreographie
Hintergrundwissen: Oberflächliche Kenntnis über orientalische Länder
Verhaltensweise allgemein: Unsicher, Türen öffnen sich
Verhaltensweise positiv/negativ: Positiv - Spaß am Lernen
Negativ - Zweifel: lerne ich das jemals?

Fortgeschrittene
   
Rhythmus: Saidi, Maksum, Masmudi, Ayub, Khaleegy. Zimbelt beim Baladi.
Körperbeherrschung: Verschiedene Shimmies. Gute Isolationsfähigkeit, gute Haltung, schöne Hand- und Armbewegungen, Trommelsolo, weitere Schleiertechniken.
Schritte: Schritte kombiniert mit: unterschiedlichen Handbewegungen, Drehungen, Akzenten, einfachen Shimmies und Körperwellen.
Ausdrucksfähigkeit: Kann verschiedene Stimmungen unterschieden und zum Ausdruck bringen (Musikgefühl).
Repertoire: Komplette orientalische Tanzroutine, Stocktanz
Hintergrundwissen: Kenntnisse über Sitten und Bräuche orientalischer Länder und die wichtigsten Künstler (Sängerinnen, Tänzerinnen, Musiker etc.)
Verhaltensweise allgemein: Wird ambitionierter
Verhaltensweise positiv/negativ: Positiv - Sicheres Auftreten
Negativ - Eifersucht, Kopieren


Weit Fortgeschrittene
   
Rhythmus: Malfuf, Fellahi, 9/8, Samai und weitere spezifische Rhythmen (persisch etc.). Tanzt mit Zimbeln.
Körperbeherrschung: Gute Drehfähigkeit auch mit Accessoires. Figurenkombinationen mit Shimmies und Stops. Kann mit Live-Musikern tanzen. Beherrscht Trommelsolo und Bodentanz.
Schritte: Spezifische Schritte passend zur Musik. Improvisationsfähigkeit erlernter Schritte: Kann Schrittkombinationen mit Tanzfiguren und Shimmytechniken verbinden.
Ausdrucksfähigkeit: Weiß, zu welchem Tanz welcher Ausdruck gehört und warum. Entwickelt Persönlichkeit bei Auftritten.
Repertoire: Hat choreographische Kenntnisse. Weiterer Ausbau der Perfektion der Tanzroutine. Spezifische Tänze wie z.B. nubisch, andalusisch ect.
Hintergrundwissen: Kenntnis von orientalischer Literatur, Musik, Religion, Sprache, Architektur etc. Hat Hintergrundwissen über Künstlerpersönlichkeiten.
Verhaltensweise allgemein: Die Auftritts- bzw. Bühnenwelt öffnet sich.
Verhaltensweise positiv/negativ: Positiv - Herzliche Kollegialität
Negativ - Probiert, den Erfolg zu erzwingen (auch durch unfaires Verhalten)


Meister
   
Rhythmus: Erkennt Rhythmen sofort und weiß, was dazu paßt. Hat ein gutes reproduktives Short Time Memory für rhythmische Sequenzen.
Körperbeherrschung: Führt passend zur Musik harmonische schnelle und langsame Bewegungen mit Leichtigkeit und Virtuosität aus.
Schritte: Kann selbst gut choreographieren und improvisieren.
Ausdrucksfähigkeit: Wirkt total überzeugend, kann begeistern, weckt Gefühle, spielt mit Energien, Pantomime
Repertoire: Hat ein großes Repertoire und erweitert dies regelmäßig mit eigenen neuen Tänzen oder gekauften Choreographien.
Hintergrundwissen: Ist in der orientalischen Welt zu Hause und vertieft sich spezifisch immer weiter.
Verhaltensweise allgemein: Genießt öffentliche Anerkennung durch wirkliches Können.
Verhaltensweise positiv/negativ: Positiv - Immer warmes, korrektes Verhalten
Negativ - Nicht möglich, wäre noch kein Meister


Rhythmus
   
Anfänger: Kann den Takt mehr oder weniger gut halten
Mittelstufe: Kann bis "vier" zählen und findet die Eins.Kennt: Baladi, Chiftetelli. Zimbelt im Dreierschlag
Fortgeschrittene: Saidi, Maksum, Masmudi, Ayub, Khaleegy. Zimbelt beim Baladi.
Weitfortgeschrittene: Malfuf, Fellahi, 9/8, Samai und weitere spezifische Rhythmen (persisch etc.). Tanzt mit Zimbeln.
Meister: Erkennt Rhythmen sofort und weiß, was dazu paßt. Hat ein gutes reproduktives Short Time Memory für rhythmische Sequenzen.



Körperbeherrschung
   
Anfänger: Einfache Übungen, um den Körper kennen zu lernen und links/rechts, vorne/hinten usw. zu unterscheiden
Mittelstufe: Isolierte Bewegungen und deren Kombinationen. Einfache Baladitechnik mit Hüfte, Armen, Händen und Schleier.
Fortgeschrittene: Verschiedene Shimmies. Gute Isolationsfähigkeit, gute Haltung, schöne Hand- und Armbewegungen, Trommelsolo, weitere Schleiertechniken.
Weitfortgeschrittene: Gute Drehfähigkeit auch mit Accessoires. Figurenkombinationen mit Shimmies und Stops. Kann mit Live-Musikern tanzen. Beherrscht Trommelsolo und Bodentanz.
Meister: Führt passend zur Musik harmonische schnelle und langsame Bewegungen mit Leichtigkeit und Virtuosität aus.

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Schritte
   
Anfänger: Gehen zur Musik
Mittelstufe: Einfache Schritte in verschiedene Richtungen
Fortgeschrittene: Schritte kombiniert mit: unterschiedlichen Handbewegungen, Drehungen, Akzenten, einfachen Shimmies und Körperwellen.
Weitfortgeschrittene: Spezifische Schritte passend zur Musik. Improvisationsfähigkeit erlernter Schritte: Kann Schrittkombinationen mit Tanzfiguren und Shimmytechniken verbinden.
Meister: Kann selbst gut choreographieren und improvisieren.


Ausdrucksfähigkeit
   
Anfänger: Keine
Mittelstufe: Lernt lächeln
Fortgeschrittene: Kann verschiedene Stimmungen unterschieden und zum Ausdruck bringen (Musikgefühl).
Weitfortgeschrittene: Weiß, zu welchem Tanz welcher Ausdruck gehört und warum. Entwickelt Persönlichkeit bei Auftritten.
Meister: Wirkt total überzeugend, kann begeistern, weckt Gefühle, spielt mit Energien, Pantomime


Repertoire
   
Anfänger: Keines
Mittelstufe: Schrittfolgen, kurze, einfache Choreographie
Fortgeschrittene: Komplette orientalische Tanzroutine, Stocktanz
Weitfortgeschrittene: Hat choreographische Kenntnisse. Weiterer Ausbau der Perfektion der Tanzroutine. Spezifische Tänze wie z.B. nubisch, andalusisch etc.
Meister: Hat ein großes Repertoire und erweitert dies regelmäßig mit eigenen neuen Tänzen oder gekauften Choreographien


Hintergrundwissen
   
Anfänger: Keines
Mittelstufe: Oberflächliche Kenntnis über orientalische Länder
Fortgeschrittene: Kenntnisse über Sitten und Bräuche orientalischer Länder und die wichtigsten Künstler (Sängerinnen, Tänzerinnen, Musiker etc.)
Weitfortgeschrittene: Kenntnis von orientalischer Literatur, Musik, Religion, Sprache, Architektur etc. Hat Hintergrundwissen über Künstlerpersönlichkeiten.
Meister: Ist in der orientalischen Welt zu Hause und vertieft sich spezifisch immer weiter.


Verhaltensweise allgemein
   
Anfänger: Neugierig
Mittelstufe: Unsicher, Türen öffnen sich
Fortgeschrittene: Wird ambitionierter
Weitfortgeschrittene: Die Auftritts- bzw. Bühnenwelt öffnet sich.
Meister: Genießt öffentliche Anerkennung durch wirkliches Können.


Verhaltensweise positiv/negativ:
   
Anfänger: Positiv - Offen
Negativ - Geschlossen
Mittelstufe: Positiv - Spaß am Lernen
Negativ - Zweifel: lerne ich das jemals?
Fortgeschrittene: Positiv - Sicheres Auftreten
Negativ - Eifersucht, Kopieren
Weitfortgeschrittene: Positiv - Herzliche Kollegialität
Negativ - Probiert, den Erfolg zu erzwingen (auch durch unfaires Verhalten)
Meister: Positiv - Immer warmes, korrektes Verhalten
Negativ - Nicht möglich, wäre noch kein Meister

Copyright: by Shahrazad



Shahrazad

Shahrazad, international gefeiertes Tanzphänomen, wurde in den Niederlanden geboren und wuchs in einem Goldschmiedehaushalt mit viel Kunst und Musik auf. Neben einem sechsjährigen Studium an der Maastrichter Kunstakademie wandte sie sich immer intensiver den östlichen Kulturen zu.
Shahrazad´s umfangreiches Wissen und Können im orientalischen und indischen Tanz, ihre Erfahrung mit der Mentalität verschiedenster arabischer Völker und Sprachen sowie ihre spirituellen und weltlichen Gefühle fließen in ihren perfekten Tanz ein und erheben ihn zur Kunst.
Mit außergewöhnlicher Ausdruckskraft kombiniert sie Temperament und Grazie, Witz und Charme, verbindet sie ihr Publikum aufs Neue mit den Urquellen der Inspiration und Lebensfreude.

Kontakt:

Shahrazad
Spichernstrasse 40
50672 Köln

Tel./Fax: (0221) 52 45 92

Homepage: www.shahrazad.org
Email: Shahrazad.Diallo@t-online.de

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